Fischzucht Thaur

Faszination Urforelle

Tiroler Kulturgut: Die Urforelle

Die „Urforelle“ gilt als Bezeichnung für die bei uns seit der letzten Eiszeit vorkommende, heimische (autochthon) und beinahe ausgestorbene Donaustämmige Bachforelle.

Erste Erwähnungen der Urforelle

Der Besatz geht auf das Mittelalter zurück, erstmals finden sie im Fischereibuch von Kaiser Maximilian Erwähnung.Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts konnte über populationsgenetische Untersuchungen an Bachforellen (Bernatchez et al., 1992, Bernatchez L., 2001) nachgewiesen werden, dass es in Europa von der Art Bachforelle (Salmo trutta f. fario, L. 1758) fünf genetisch unterscheidbare Linien („Rassen“) gibt, die in vielen lokalen und regionalen Formen vorkommen. Diese autochthonen (heimischen) Bestände sind vielfach akut vom Aussterben bedroht.

Wiederentdeckung der Urforelle durch Dr. Nikolaus Medgyesy

Im Jahre 1998 war mein Vater, Dr. Nikolaus Medgyesy, seinem Kollegen Dr. Steven Weiss behilflich, Bachforellen aus entlegenen Gebieten in Tirol, für enzymelektrophoretische Untersuchungen zur Erfassung heimischer Bachforellenpopulationen zu besorgen. Ihm war bekannt, dass es im Gossenköllesee auf 2417m Höhe Bachforellen gibt, die wahrscheinlich auf einen Besatz aus dem Mittelalter zurückgehen. In Gesprächen mit seinem Kollegen wurde ihm klar, dass das damalige wissenschaftliche Interesse sich lediglich auf das Vorkommen und die Unterscheidung verschiedenster Bachforellenlinien fokussierte. Bei den damals an drei Plätzen in Österreich bekannten Donaustämmigen Populationen handelte es sich um höchst gefährdete und vom Aussterben bedrohte, Kleinstpopulationen. Seine Idee war nun, diese gefährdeten Fische zu retten, sie nachzuzüchten, mehr über ihre Eigenschaften in Erfahrung zu bringen und sie in geeignete Gewässer ihres Einzugsgebietes wieder anzusiedeln. Im Einvernehmen mit dem Institutsvorstand der Zoologie der Universität Innsbruck durfte ich die universitären Einrichtungen zur Reproduktion dieser Fische benützen.

Nachdem ihm die Reproduktion gelungen war, wurde auf seine Initiative hin ein siebenjähriges Interreg Projekt TroutExamInvest in Tirol, Salzburg, Kärnten und Südtirol realisiert, an dem er auch maßgeblich beteiligt war.

Das gesamte Projekt wurde in Form einer sehr informativen Broschüre dokumentiert.

Lebensraum der Urforelle

Der ursprüngliche Lebensraum der Donaustämmigen Bachforelle sind alle Fließgewässer, die in die Donau münden. In Vorarlberg gehören die Bachforellen, die aus dem Rhein Einzugsgebiet stammen, zum Atlantik Typ. Alle übrigen Gewässer Österreichs münden in die Donau, in denen entwicklungsgeschichtlich die Donaustämmige Bachforelle leben müsste. Heute kommen dort allerdings praktisch nur noch Atlantikstämmige Bachforellen vor.

Besondere Eigenschaften

Die Donaustämmige Bachforelle hat sich über Jahrtausende an die klimatischen Verhältnisse in den Alpen, im Besonderen an jahreszeitliche Abflüsse und Temperaturen in unseren Gebirgsbächen angepasst. Sie ist ein außerordentlich standorttreuer Fisch, der geschützte Einstände in dynamischen, kalten Gebirgsbächen liebt und extreme Hochwasserereignisse gut übersteht (Hochwasser Resilienz). Trotz heftiger Niederschläge mit extremen Hochwässer, die den Fischbeständen stark zusetzen, entwickelte sich in diesen Hochwasser gefährdeten Gebieten, wie im Sellraintal, dem Revier Melach bei Gries im Sellrain und im Fotscherbach, ein sehr guter Bachforellenbestand.

Weshalb der Bestand der Urforelle so gering ist

Gravierende anthropogene Eingriffe in die Fließgewässer (Gewässerregulierungen, Landgewinnung, Energieversorgung, Hochwasserschutz, Wildbachverbauungen, Trockenlegung von Überflutungsgebieten, …) haben den Lebensraum der Fische massiv beeinträchtigt und führten vielerorts zum Rückgang der Fischbestände. Durch intensive Besatzmaßnahmen mit Atlantikstämmigen Bachforellen, die man seit den 1940er – 1950er Jahren über Fischzuchtbetriebe leicht beziehen konnte (Aufkommen von Trockenfutter, Boom in der Aquakultur), versuchte und versucht man heute noch Bestandsdefizite bis hin in entlegenste Gebiete auszugleichen. Diese jahrzehntelange Praktik einer Einmischung fremder Gene in die lokalen Linien führten zum Verschwinden der Donaustämmigen Bachforelle. Sehr lange war man sich über die Folgen dieser Besatzmaßnahmen mit fremden Bachforellen nicht bewusst (Genozid der heimischen, Donaustämmigen Bachforelle)

Zurück zur Urforelle - Projekt der Fischzucht Thaur

2010 trat der Obmann des Tiroler Fischereiverbandes (TFV) Herr Dr. Markus Schröcksnadl an meinen Vater Dr. Nikolaus Medgyesy heran und bat ihn, ein Konzept auszuarbeiten, mit dem es möglich wäre, die Danubische Bachforelle im großen Stil zu produzieren, um diese in Tiroler Gewässer wieder anzusiedeln. Auch sollten 100.000 Äschen für den Besatz in den Inn produziert werden. Für die Umsetzung dieser ehrgeizigen Projekte pachtete der TFV ab April 2010 die Fischzucht Thaur und ich wurde als Bewirtschafter angestellt. Bei Null beginnend (Fang von potentiellen Danubischen Elterntieren, individuelle Markierung, Entnahme von Gewebeproben, gezielte Verpaarung nach Eintreffen der genetischen Befunde), konnten im ersten Jahr nur eine untergeordnete Menge an reinen Danubischen Bachforellen produziert werden, dafür aber jede Menge Äschen. Erst ab dem dritten Jahr wurden 50.000 und später jährlich 120.000 bis 180.000 Bachforellen produziert. Von 2010 bis 2016 verließen jährlich neben den Bachforellen 160.000 – 190.000 Äschen Setzlinge die Anlage.